Unsere heutigen Kenntnisse über Gehirnentwicklung und die positiven Effekte des Theaterspielens von Kindern lassen sich plausibel zusammenbringen. Der Psychologe, Gehirnforscher und Leiter des TransferZentrum für Neurowisschenschaften (ZNL) Manfred Spitzer zeigt, welche Bedeutung Theaterspielen für Kinder hat und wie es ihre Entwicklung positiv beeinflusst. 
 

Flugsimulator für das Gehirn

Beim Theaterspielen werden Emotionen, Bewegungen, Musik, Rhythmus und Improvisation kombiniert und vermitteln Kindern und Jugendlichen „eine der wichtigsten Fähigkeiten, die ein Mensch haben kann – die Emotionskontrolle. Wer über Emotionskontrolle verfügt, ist mit 50 glücklicher, lebt länger, hat mit 30 ein höheres Einkommen, ist weniger kriminell und weniger suchtkrank", nennt der Wissenschaftler Ergebnisse aus diversen Studien.
 
„Theater spielen ist wie ein Flugsimulator“. Werden schwierige Situationen oft genug durchgespielt, dann beherrschen sie die Menschen auch in der Realität. Man kann alle möglichen emotionalen, sozialen und zwischenmenschlichen Ereignisse simulieren – „damit  hat man für das Leben gelernt", so Spitzer.
 

Schauspielunterricht als Schulfach

Neu ist die Idee nicht: In der griechischen Antike galt Theater als fixer Baustein der Pädagogik, in Großbritannien ist Drama (Schauspiel) seit 1950 ein eigenständiges Schulfach und an US-Universitäten ist es seit Langem als Bildungsinstrument etabliert. Die Elite-Uni Yale etwa veranstaltet jährlich bis zu 60 Theateraufführungen.
Selbstbewusstsein fördern
„Theaterspielen hat einen sehr positiven Effekt auf die intellektuelle, emotionale und soziale Komponenten der Persönlichkeit“, meint Manfred Spitzer im Gespräch mit der „Presse“. „Indem Kinder Theater spielen, lernen sie nicht nur, Texte zu behalten, auf andere einzugehen und deutlich artikuliert zu sprechen“, sagt er. „Nein, sie lernen auch, sich in eine Gruppe einzufügen oder ihr gelegentlich ein Solo entgegenzusetzen, sie entwickeln ein Gespür für Sprache und soziale Situationen, und sie spielen emotionale Verhaltensweisen durch.“
 
„Die Kinder entwickeln beim Theaterspielen Selbstbewusstsein, Kreativität und Fantasie, sie schulen ihr Körpergefühl und trainieren Bewegungen. Sie müssen sich über längere Zeiträume konzentrieren, ihre Aufmerksamkeit fokussieren, und ein Projekt mit Ernsthaftigkeit zu einem Abschluss bringen“, fasst Spitzer zusammen.
Bessere schulische Leistungen
Theater fördert die Lust am Lernen, zeigt Wege zu kreativen Problemlösungen, entwickelt Fähigkeiten zu Kommunikation und Kooperation.
Empirische Erfahrungen belegen, dass Kinder und Jugendliche, die regelmäßig Theater spielen, nicht schlechter in ihren schulischen Leistungen werden, sondern eher besser. Der Gehirnforscher Manfred Spitzer sagt: „Das Frontalhirn entwickelt sich durch Sport, Musik, Theater, Kunst und alles, was man mit der Hand macht“ (vgl.: M. Spitzer, „Digitale Demenz“, Droemer Verlag, München, 2012).
 

„Wenn du sprechen kannst, kannst du singen"

...sagt ein afrikanisches Sprichwort. Tatsächlich kann es jeder. Sogar die Kohlmeise und der Buckelwal. Singen macht glücklich, ganz egal, ob man allein oder im Chor singt, beim Spielen, Radfahren oder in der Badewanne. Und nicht nur das. Ergebnisse der Gehirnforschung zeigen, dass Singen die Konzentrationsfähigkeit, das Erinnerungsvermögen und das Improvisationstalent fördert, den Spracherwerb unterstützt und sich positiv bei Sprachstörungen auswirkt. Wer viel singt, kann besser Vokabeln lernen und begreift komplizierte Zusammenhänge.

Laut Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie ist „Singen eine der wundervollsten Körperlernübungen. Denn dabei muss das kindliche Hirn die Stimmbänder so virtuos modulieren, dass haargenau der richtige Ton rauskommt. Das ist die feinmotorischste Übung überhaupt, und damit eine Voraussetzung für alle späteren, hoch differenzierten Denkweisen.“ Angstgefühle werden unterdrückt 
 
Zudem handelt es sich um eine sehr komplexe, ganzheitliche Gestaltungsleistung. Das Kind muss ja das gesamte Lied im Kopf haben, um exakt zur richtigen Zeit den richtigen Ton zu treffen. Und im Chor lernt es zudem, sich auf andere einzustellen – eine Voraussetzung für soziale Kompetenz. 
 
Kinder erfahren außerdem etwas Erstaunliches: Nämlich, dass man keine Angst haben kann, wenn man singt. Inzwischen wissen Neurobiologen, dass das Hirn beim freien Singen nicht in der Lage ist, Angstgefühle zu mobilisieren. Deshalb singen Menschen beim Gang in den Keller. Das tun sie nicht, um Mäuse zu vertreiben.“ 
 
Kinder, die singen, sind gesünder und emotional stabiler
Ärzte und Psychologen bestätigen, dass Kinder, die regelmäßig singen, ein besseres Immunsystem haben und gesundheitlich und emotional stabiler sind als Kinder, die nicht singen.
 

Tanzen fördert die Konzentration und schult den Gleichgewichtssinn

Dass Tanzen das Gehirn verändert, haben inzwischen verschiedene Studien belegt. So fand Elizabeth Spelke, Kognitionspsychologin an der Harvard University heraus, dass jahrelanges Tanzen das räumliche Denken fördert. Tanzbegeisterte Kinder schnitten in Geometrie-Tests besser ab als Kinder, die nur kurzzeitig oder nie getanzt hatten. „Beim Tanzen werden Gehirnregionen aktiviert, die auch zu geometrischem Denken befähigen“, so Spelke.